umsonstladen

Sesam öffne Dich – ich will raus!

In Allgemein on September 1, 2010 at 8:46 am

Dieser Wunsch von S. Lec beschreibt gut das Grundmotiv aller antikapitalistischen oder auch “nur“ nicht-kapitalistischen Ansätze. Das Praxisproblem:

1. Umsonstläden  haben selten geöffnet, im Vergleich zu anderen Läden, öffentlichen Räumen, Veranstaltungsorten.

2. Irgendwo angegebene Öffnungszeiten sind veraltet oder teilen mehr ein Vorhaben als dessen Realisierung mit.

Es gibt in Göttingen zur Zeit kein  Ladenkollektiv, also keine verantwortlichen Vertreter/innen des Projektes. Einige Aufgaben haben Nutzer/innen übernommen, die z.B. gelegentlich aufräumen.  In der Stadt agieren Politgruppen wie 180° und  Schöner Leben Göttingen, die sich mit Umsonstökonomie beschäftigen, das Projekt kennen und unterstützen. Ganz wesentlich ist natürlich, dass das JuZI den Raum zu Verfügung stellt. Es blieb die Aufgabe, den gut besuchten Laden zugänglich zu halten. Die Leute im Haus werden ohnehin in Anspruch genommen, sollen Fragen  beantworten, auch wenn sie mit dem Umsonsprojekt nichts am Hut haben; man kann nicht erwarten, dass sie darüber hinaus noch ständig Auf- und Zuschließen. Aus der Not eine Tugend gemacht: Die Tür bleibt auf. Vom Flur kann man jederzeit in den Laden gehen. Einer der Nachteile: Definitionsgemäß ist im Umsonstladen Klauen unmöglich, aber Inventar lässt sich wegbewegen. Verlustliste: 1 Sessel, 2 Buchstützen, 1 Wandspiegel. Den Nachteilen stehen beachtliche Vorteile gegenüber:

* Keine frustrierten Gesichter vor der verschlossenen Ladentür.

* Die vormals Aktiven erleben statt dem bekannten Anblick der Regalböden mal die Sonne auf der Haut resp. den Sternenhimmel in den Haaren.

* Die Betreuungsfreiheit fördert, dass Nutzer/innen sich (mit-)verantwortlich fühlen, Eigeninitiative ergreifen.

* Bessere Nutzung. Besuchende können praktisch beliebig viel Zeit im Laden verbringen.

* Der Laden kann auch als Aufenthaltsraum dienen – bei unserem Publikum spricht nichts dagegen.

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Bücher kostenlos …

In Allgemein on August 21, 2010 at 11:09 pm

… gibt es in einer Universitätsstadt an jeder Ecke, aber nur mit 47 Sekunden Angst. Das zeigt die Stoppuhr in der zittrigen Hand an, nachdem der Ausgang der Buchhandlung mit der gefüllten Tasche zügig aber unauffällig passiert wurde. Der Umsonstladen ist eine der stressfreien Alternativen. In Göttingen stehen ein paar Bücher im Autonomicum, etwa ein halbes Regelbrett davon sind durch gelben Aufkleber als Bookcrossing-Bücher gekennzeichnet, Aufkleber liegen aus. Einzelne Bücher zu verschenken (vorwiegend Göttingen und Berlin) findet man bei nutzigems.org. Die ev. Gemeinde am Sandersbeek 2 hat ein kleines Buchregel – unter anderem Johannisnacht von Uwe Timm -, man kann dort lesen oder formlos entleihen/mitnehmen oder Bücher hinstellen. Im Mehrgenerationenhaus, das zum Nachbarschaftszentrum Grone-Süd gehört, steht ein Regal mit Kinder- und Jugendbüchern zum mitnehmen, bitte jetzt nichts bringen, weil das Regal schon überquellt. Im Haus befindet sich – unabhängig davon – eine Tauschbücherei. (Akualisiert: Inzwischen wurde der gesamte Bestand der Tauschbücherei in den frei zugänglichen Bereich gebracht.) Nahe der Fußgänger-Leinebrücke steht mitte Schiefer Weg alle paar Wochen ein kleiner Verschenktisch mit gut erhaltenen Büchern und VHS-Videos, er wird von einem mutmaßlichen Mitglied einer kirchlichen Organisation betreut. Bücher und Zeitschriften lassen sich über die Göttinger Tafel (Nicolaikirchhof) verschenken, indem man sie bei den Bediensteten abgibt oder – einfacher – selber in das schmale Regal in der Ecke des Lebensmittel-Ausgaberaums stellt. Dort bringe ich gelegentlich Krimis hin, die in den Umsonstladen öfter gebracht als genommen werden.

Wer weder einen bestimmten Geruch noch das Erlebnis glatter Flächen an den Fingerkuppen braucht, um sich zu stimulieren, kann bei books.google.de, gigapedia.org und avaxhome.ws Glücksgefühle erlangen.

Lese-Hunger

In Allgemein on August 19, 2010 at 6:48 pm

Der Intensivleser verbraucht viel mehr Kalorien als beispielsweise ein Vorstandsvorsitzender. Er kann sich verwertbare Kohlehydrate verschaffen, indem er die Buchrücken heraustrennt und die Leimbindung auskocht. Das mindert den Lesegenuss und sättigt nur kurzzeitig, also wird früher oder später das Thema Lebensmittel in Umsonstläden relevant. Dazu gibt es unterschiedliche Ansichten, wie die Versionsgeschichte des Wikipedia-Artikels „Umsonstladen“ zeigt. Die Verderblichkeit allein begründet nicht, Lebensmittel im Umsonstladen abzulehnen. Das Organische folgt dem Gesetz der Vergänglichkeit zu Hause wie auf dem Verschenktisch. Es wirkt sich positiv aus, mit mehreren Leuten Sachen zu organisieren, die Sorge verlangen. Denn so kann sich aus dem Nebeneinander ein sinnvolles gemeinschaftliches Handeln bilden. Verschiedene Arten der Beteiligung am Laden, nämlich Bringen, Mitnehmen, Aufräumen und “Organisieren“ müssen aufeinander abgestimmt werden. Es fängt damit an, dass keine/r Dinge in den Laden trägt, die giftig sind oder bloß die Mülltonne des selbstverwaltenden Projektes bereichern. Fleischessende und Antispes müssen sich einigen. Dann muss jemand darauf achten, dass die Sachen rechtzeitig weg kommen, eventuell Leute ansprechen (WGs, Wagenplatz etc). Der Restabfall könnte einen Komposthaufen speisen (haben wir im JuZI-Garten). Die Tafeln sind wenig flexibel bei Überangeboten, und U-Läden erreichen ein anderes Publikum, es kann daher sogar sinnvoll sein, gelegentlich Lebensmittel von Tafeln in den Laden zu bringen.

Lebensmittelverbote kommen meist mit formalistischem Nachdruck daher, etwa als “gesetzliche Hygienevorschriften“. Doch eine Regel sollte in jedem  gut funktionierendem Projekt gelten: Formale Argumente sind nebenrangig.